Herr Prof. Dr. Zerbst, Sie haben kürzlich die Tagung des German Academic International Network – GAIN – in San Francisco besucht. Was für eine Veranstaltung ist es gewesen?
„Die Veranstaltung ist mit Sicherheit das hochkarätigste wissenschaftspolitische Zusammentreffen des Jahres gewesen. Eingeladen hatte das GAIN-Netzwerk zu seiner Jahrestagung, die abwechselnd in San Francisco und Boston stattfindet. Zu den mehr als 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehörte sowohl eine Delegation des Forschungsausschusses des Deutschen Bundestages, die Prof. Dr. Karl Lauterbach leitet, als auch eine Gruppe der Wissenschaftsministerkonferenz unter dem Vorsitz von Staatsminister Markus Blume. Gäste sind außerdem Dr. Marcus Pleyer, Staatssekretär des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt, gewesen, aber ebenso waren zahlreiche deutsche Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Forschungsförderinstitutionen vertreten – darunter die Hochschulrektorenkonferenz, die Deutsche Forschungsgesellschaft, der Wissenschaftsrat, der Deutsche Akademische Austauschdienst sowie die Alexander-von-Humboldt-, die VW- und die Wübben-Stiftung, die mit ihren jeweiligen Leitungen vor Ort waren. Mit vielen hatte ich die Gelegenheit, ins persönliche Gespräch zu kommen.“
Und worum ging es bei dieser Tagung?
„Der Fokus lag ganz eindeutig auf Karrieremöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Deutschland, die auf dem amerikanischen Kontinent arbeiten. Auch um den Wissenschaftsstandort Deutschland ging es, um Exzellenzstrategie, Resilienz in der Wissenschaft, um Generative KI – und um die Vorbildlichkeit der Kunsthochschulen. Denn eine Frage wurde ich nicht müde zu stellen: what about the arts and humanities? Wie sieht es mit der Kunst, dem Design und den Geisteswissenschaften aus?“
Inwiefern spielen die Kunst- und Geisteswissenschaften in der Forschungslandschaft eine besondere Rolle?
„Darum ging es im Workshop Unlocking Talent: Gleichstellung auf dem Weg zur Professur – Strukturen, Maßnahmen und Perspektiven. Denn die Gleichstellung zu fördern ist eine zentrale Aufgabe im deutschen Wissenschaftssystem. Bedauerlicherweise sinkt der Anteil von Frauen im Laufe ihres Karrierewegs kontinuierlich: Während wir an allen Hochschulformen in Deutschland hohe Frauenanteile unter den Studienabschlüssen verzeichnen können, sind unter Promotionen nur 46 Prozent weibliche Absolventinnen, bei Habilitationen gar nur 36 Prozent, von den Professuren in der deutschen Hochschullandschaft sind lediglich 26 Prozent weiblich besetzt. An Kunsthochschulen sieht diese Entwicklung glücklicherweise positiver aus.“
Was läuft hier, an der Kunsthochschule, denn anders?
„Unsere gelebte Kultur lässt die Kunsthochschulen in Bezug auf die Frauenanteile in Präsidien und Professuren deutlich besser dastehen als andere Hochschularten. So verzeichnen wir an der Muthesius Kunsthochschule Parität, was den Anteil männlich und weiblich besetzter Professuren anbelangt. Innerhalb der Kunsthochschulenkonferenz gilt diese Parität sogar in den Leitungsebenen der Kunsthochschulen. Für die Gleichstellung sind konkrete Personen und Programme immens wichtig – das konnte ich in San Francisco für die Muthesius Kunsthochschule und für die Kunsthochschulenkonferenz darlegen, in der sich die 25 deutschen Kunsthochschulen zusammengeschlossen haben. Bei uns an der Muthesius Kunsthochschule ist es Katharina Jesdinsky als Gleichstellungsbeauftragte, darüber hinaus spielen Gleichstellungsaspekte ebenso im Präsidium eine große Rolle. Erfreulicherweise gibt es das von Bund und Ländern initiierte Professorinnenprogramm 2030 als wichtiges Instrument, um Nachwuchswissenschaftlerinnen in ihrer Karriereplanung zu fördern. Aber auch die Hochschulrektorenkonferenz, deren Vizepräsident für Kooperationskultur innerhalb des Hochschulsystems und Belange der künstlerischen Hochschulen ich bin, hat gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgesellschaft Maßnahmen auf den Weg gebracht und Förderinstrumente geschaffen.“
Fotos: GAIN/BarakShrama




