Ab dem Wintersemester 2025/26 ist Ellen Gronemeyer an der Muthesius Kunsthochschule neue Professorin für Malerei im Studiengang Freie Kunst. Damit folgt sie auf Aleen Solari, die seit 2024 eine Vertretungsprofessur innehatte.
Frau Gronemeyer, dass Sie selbst den Weg in die Kunst gegangen sind, haben Sie ausgerechnet an einer Kunsthochschule entschieden. Was hat Sie dort nachhaltig beeindruckt?
„Ich war in der elften Klasse, als ich einen Freund in Frankfurt besucht habe. Schon von der Stadt, den kulturell offenbar anders geprägten Menschen und der Architektur war ich beeindruckt. Gemeinsam haben wir dann den Rundgang an der Städelschule angesehen. Dort hat mich eine Szene fasziniert: Das Licht im Raum ging aus, auf der Leinwand begann ein Student zu masturbieren – und alle haben zugesehen. Ich stamme aus einem engen bürgerlichen Verhältnis: Hier war der Kunstbegriff durch historischere und etabliertere Vorstellungen definiert. Dieser merkwürdige Moment während des Rundgangs war für mich sehr wichtig: Diese Art der Offenheit hat mich begeistert, denn diese Form der Kunstrezeption empfand ich ebenso wie das Künstlerinnensein als Akt der Befreiung.“
Darum haben Sie anschließend Kunst studiert. Wie ging es weiter?
„Der Drang in die Kunst war hoch. Zum Kunststudium gekommen bin ich aus einer Alternativlosigkeit heraus: weil ich für mich in der Arbeitswelt, so wie sie sich mir dargeboten hat, keine Form von Sinn oder Identifikation gesehen habe. Als an der HfBK Hamburg Bewerbungsschluss war, habe ich alles auf eine Karte gesetzt und die Zeichnungen, die ich unter dem Bett liegen hatte, hervorgekramt, in eine alten Pappe gesteckt und an die Hochschule geschickt. Kinder zeichnen oft, bis sie vielleicht elf, zwölf Jahre alt sind, dann hören sie damit auf: weil die Unmittelbarkeit verloren geht und eine Art der Reflektion verunsichern kann. Bei mir war die Zeit, in der ich nicht gezeichnet oder gemalt habe, sehr kurz. Ich bin in der Nähe von Kassel aufgewachsen und als Teenager zur documenta gefahren. Dort hatte ich den Zugang zu zeitgenössischer Kunst. Außerdem sind mir Bilder von Edvard Munch begegnet – Munch hat zu mir gesprochen, und ich hatte auch den Wunsch, darauf zu antworten.“
Sie haben an der HfBK Hamburg unter anderem bei Stephan Dillemuth und Werner Büttner studiert. Wie haben diese beiden Sie geprägt?
„Ein weiblicher Blick in die Kunstgeschichte hat nicht stattgefunden, als ich studiert habe. Gerade der Bereich Malerei war immer konnotiert mit Genialität: Bei Werner Büttner hatten vorher Daniel Richter und Jonathan Meese studiert. Ich habe mich entschieden, da reinzugehen, da ich mich auf ganz direkte Weise für Form und Farbe interessiere. Ich war ein junges Mädchen unter ausschließlich männlichen Professoren. Es hat eine Weile gedauert, aber zum Ende des Studiums habe ich eine künstlerische Sprache als Frau gefunden. In allen Klassen der Freien Kunst habe ich mit den Professoren über meine Arbeiten gesprochen. Dass alle Lehrenden unterschiedliche Meinungen hatten, ist für mich sehr wichtig gewesen. Stephan Dillemuth brachte eine Ethik, eine Form von Community, in das Studium hinein. Es war eine spannende Idee davon, wie sich der Mensch aus einem enger gefassten Kunstsystem emanzipieren könne.“
Widerspricht diese Perspektive nicht der heutigen Intention, dass alle Kunststudierenden ihre eigene künstlerische Position entwickeln sollten?
„Es widerspricht sich nicht, denn die Gemeinschaft zu erfahren, bringt nochmal eine viel intensivere Ich-Form und Selbstreflexion mit sich. Und es ist eine Form der Auseinandersetzung, viel mehr als eine Stärke und Kraft, dass man als Künstlerin oder Künstler weiß, wer man ist.“
Sie waren zuletzt Juniorprofessorin an der Kunstakademie Düsseldorf. Mit welchen Methoden haben Sie daran gearbeitet, dass Ihre Studierenden eine eigene künstlerische Position entwickeln?
„Das lässt sich nicht pauschal sagen, denn es kommt immer darauf an, wo sich jemand befindet. Was ist mein Kontext? Wo stehe ich? Was bedeutet es, diszipliniert zu sein oder Zweifel zu entwickeln? Es gibt auf dem Weg zur eigenen künstlerischen Position manchmal eine ganze Reihe Hürden, die zu nehmen sind.“
Warum haben Sie sich nach Ihrem Kunststudium dazu entschieden, in die Lehre zu gehen?
„Es hat sich so ergeben. Ich habe nach meinem Diplom fünf Jahre lang in London gelebt und dort unterrichtet. Ich habe die Anstrengung gespürt und gemerkt, dass der Rahmen der Hochschule andere Gespräche ermöglicht als die Ausstellungseröffnung. Wenn man merkt, man kann Leuten auf die Sprünge helfen, man kann Personen begeistern, man lernt, sich zu konzentrieren und sich zu vergegenwärtigen, dann führt das zu einer ausgesprochen guten Selbstbeobachtung. Man kann damit ganz viel verändern: im Außen wie im Innen.“
Inwiefern können Sie dann selbst davon profitieren?
„Interessant für mich ist, dass ich, wenn ich Gruppenbesprechungen mit den Studierenden mache, auch Themenkomplexe genauer unter die Lupe nehme, mit denen ich zuvor wenig Berührungspunkte hatte. Wie finde ich das eigentlich?, frage ich mich dann. Und das ist das Wichtige in der Malerei: dieser entgrenzende Moment. Malerei dreht sich nicht nur um Malerei. Nein, es ist vielschichtiger: Was passiert im Theater? Wie finden politische Veränderungen statt? Was geschieht in der Literatur? Was ist mit Film? All das sind wichtige Einflüsse.“
Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz als Einfluss, als Thema?
„Vor ein paar tausend Jahren gab es die Jäger und Sammler. Alle Tätigkeiten waren fokussiert auf den Erhalt des Lebens. Später stand auch die Höhlenmalerei im Fokus. Heute haben manche wenige Menschen den Luxus, mit viel Zeit über die Dinge kontemplieren zu können. Ob KI ein Thema in der Malereiklasse wird, kommt auf die Studierenden an. Ich bin offen gegenüber dem, was die Studierenden verhandeln möchten. Ich spiele nicht die Sologeige da vorne, sondern bin mit dem Bewusstsein da, dass alle, die da sind, ganz viel mitbestimmen und mitgestalten. Es geht genau um dieses Emanzipatorische im Kunststudium.“
Was möchten Sie dabei den Studierenden mit auf den Weg geben?
„Ich glaube, dass die künstlerische Praxis erstmal ein ganz großer Zugewinn ist. Weil es auch die Auseinandersetzung mit dem Selbst ist, denn es geht darum zu lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen – für sich und für die Gesellschaft. Jedes Kunstwerk kann ein neues, komplexes, radikal subjektives Wertesystem und eine eigene Weltanschauung mit sich bringen. Das ist der ganz große Wert eines Kunststudiums. Es ist eine geistige Arbeit, die in unserer Gesellschaft oft zu kurz kommt.“
Welche Wünsche hegen Sie mit Blick auf Ihre neue Aufgabe in der Malereiklasse?
„Ich wünsche mir, dass ein Vertrauensverhältnis entsteht, dass es freundlich und respektvoll zugeht. Ich habe den Wunsch, dass Begeisterung und Engagement spürbar sind, um Sachen entwickeln zu können, die erfolgreich sind.“
Über Ihre eigenen Arbeiten schreibt das Magazin „Kunstforum“, dass „klassische Genres wie Porträt und Figur in ihrem Werk bis heute zentrale Bezugspunkte darstellen, die Sie in einem stilistisch eigenwilligen Spektrum erschlossen und weiterentwickelt haben“. Was reizt Sie an der Darstellung von Figuren und Fratzen?
„Es ist im Kern die Darstellung von Wesen, die oft zwischen Tier und Pflanze, Tier und Mensch changieren. Es sind stark beobachtende Figuren, die Betrachter*innen zurückbetrachten. Was ist Identität? Was ist Realität? Das sind ganz wichtige Aspekte. Zentral in meiner Arbeit ist der darstellende Moment – denn ich mag dieses Spiel, das im Betrachtenden stattfindet. Das ist das, was mich interessiert. Unter der Prämisse, dass sich jeglicher Inhalt, dass sich alles in Pinselstriche und Farbe, in Abstraktion auflöst. Malerei kann eine unglaubliche Macht, eine enorme Kraft haben – aber wozu nutze ich das als Künstlerin? Um es in Geld oder Ruhm zu verwandeln? Oder um in der Gesellschaft emanzipatorisch mitzuwirken? Letzteres erachte ich von Jahr zu Jahr als wichtiger.“
Zur Person
Ellen Gronemeyer, 1979 in Fulda geboren, studierte von 1998 bis 2005 an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Hamburg. Zuletzt hatte sie eine Juniorprofessur an der Kunstakademie Düsseldorf inne. Sie lebt und arbeitet in Berlin. In ihrer figurativen Malerei kombiniert Ellen Gronemeyer spielerische und psychologisch tiefgründige Gedanken, zitiert aus der Welt des Informels oder der Pflanzenwelt und bindet Doppeldeutigkeiten in ihre Arbeiten ein. Neben zahlreichen Einzelausstellungen unter anderem in ihren Galerien in Hamburg, Berlin, London, New York, Shanghai oder dem Ludwig Forum in Aachen war Ellen Gronemeyer unter anderem beteiligt an Gruppenausstellungen im Museum of Modern Art in San Francisco, in der Kunsthalle Bern oder der Monash University of Art in Melbourne.
Interview: Julia Marre