Wie entstehen heute Fotografien – in einer Zeit, in der die allgegenwärtige Bilderflut stetig ansteigt? Und wie gelingt es den Studierenden im Lehrgebiet Fotografie, mit ihren Bildern Aufmerksamkeit zu generieren? Diese Fragen stehen im Fokus der Sommerausstellung „was sichtbar wird – all I might see“ im spce | Muthesius: Sie ist bis zum 24. Oktober in der Kieler Innenstadt zu sehen.
Es ist die erste Ausstellung des Lehrgebiets Fotografie von Professorin Christine Erhard, die im interdisziplinären Ausstellungsraum spce | Muthesius zu sehen ist. Entstanden sind die Arbeiten der neun Studierenden in einem Seminar. „Viele der Arbeiten haben zunächst mit einem einzelnen Foto begonnen – aus dem sich freie Themen und Gestaltungsformen entwickelt haben“, sagt Christine Erhard, Professorin für Fotografie im Studiengang Kommunikationsdesign der Muthesius Kunsthochschule.
Welche Themen sie setzen, welche Medien sie verwenden möchten? Diesbezüglich haben sich die Studierenden nach keinerlei Vorgaben richten müssen. Das Ergebnis: eine sehr vielseitige Ausstellung, die ganz unterschiedliche Herangehensweisen und Präsentationsmöglichkeiten von Fotografie auslotet.
„Der Fotografie einen breiteren Raum geben“
„Viele der Arbeiten sind analog, manche digital, auch etliche Schwarz-Weiß-Bilder sind darunter. Ich bin medienoffen“, so Erhard. Sven Christian Schuch, Kurator der Ausstellung, ergänzt: „Warum wollen wir dieser Welt noch weitere Bilder hinzufügen? Es war für uns sehr spannend, der Fotografie einen breiteren Raum zu geben.“ So zeigt die Sommerausstellung „was sichtbar wird – all I might see“ Beispiele einer jungen Generation, die sich mit den Mitteln der Fotografie eine Stimme verschafft.
Fragmente von Trümmern zeigen Smartphonebilder
Bereits im Eingangsbereich häufen sich Trümmer von Terrassenfliesen. Was auf den ersten Blick wirkt wie Verzierungen einer zerschlagenen Architektur, sind Abbilder einer Smartphone-Bildergalerie. Denis Foik hat seine Arbeit „Über Ornamente: Stein & Fragment“ mithilfe seiner Handyfotos erstellt. „Eine Auswahl von Fotos, die ich mit meinem Smartphone aufgenommen habe, habe ich zu diesen symmetrischen Ornamenten geformt und auf die Steinplatten gedruckt. Beim Scrollen durch alte Fotos habe er sich gefragt: „Wer war ich vor einem Jahr“ – und nicht nur aus seinen Erinnerungen, auch aus seinen Betonplatten wurden Fragmente.
Einen geheimen Blick aufs Eros-Center Kiel riskiert
Einen geheimen Blick riskiert Marlene Krömer in ihrer Installation „Alias“: Mithilfe einer Lochkamera hat sie Portraits der Kundschaft des Kieler Eros-Centers gesammelt und hinterfragt den Schutz und die Anonymität der Freier im Kontrast zur systematischen Ausbeutung der Sexarbeiter*innen.
Amelie Pechtold hat in „Stiller Konflikt“ abgebildet, was nicht hätte abgebildet werden sollen: die Überreste übermalter Graffiti im Saarbrücker Stadtbild anlässlich des „Tages der Deutschen Einheit“. Fotografiert und in Metall graviert bleiben die Überreste der Tags und Schriftzüge in ihren Aluminiumplatten hochglänzend sichtbar und werden selbst zum Exponat.
Mit der Dunkelheit und dem damit verbundenen Nicht-Sichtbar-Werden spielt Milla Pukall: Ihre analogen, im Winter entstandenen Schwarz-Weiß-Fotografien „Im Dunkeln tappen“ zeigen in verschiedenen Formaten ihre experimentelle Herangehensweise an das Thema – Personen werfen lange Schatten, es entstehen Unschärfen.
Portraitfotos von FLINTA*-Personen als Paravent
In ihren „Paravent“ lädt Maria Velthuis die Besucher*innen ein: Hier präsentiert sie ihre großformatigen Portraitfotos von FLINTA*-Personen in ihrem persönlichen Umfeld – barfuß auf Parkett, neben dem Teeregal, im WG-Zimmer und vor dem frisch gemachten Bett. Im Halbrund des Paravents blicken sie sich solidarisch an, suggerieren Gemeinsamkeit, betrachten selbst die Betrachtenden.
Bilder gefrieren lässt Freya Stoermer in ihrer Videoinstallation „a growing collection of trouble”, die fortlaufend ergänzt wird. Darin sammelt sie Momente des Unbehagens. „Ich habe 3-D-Scans verschiedener Situationen angefertigt, von einem Baugerüst aus auch in meine Wohnung hinein.“ So lässt sich ein Bild bis ins Detail zerlegen, es entstehen löcherige Auslassungen, flimmernde Unschärfen und verpixelte Alltäglichkeit.
Das Vorher und Nachher eines Festivals
Was bleibt von einem Festivalwochenende? Dieser Frage geht Leander Schroeder in seinen Fotografien „davor & danach“ nach. Zwei Fotografien zeigen eine Rasenfläche im Detail – bevor und nachdem das Stück Wiese zum Dancefloor eines Technofestivals wurde. Aus einer selbstgebauten, skulpturalen Lautsprecheranlage wummsen Musikfragmente und Gesprächsfetzen – die verhallte Atmosphäre des Dancefloors „habe ich für die Soundinstallation aufgenommen und verfremdet, sodass sie weit entfernt klingt“, sagt Leander Schroeder.
Vom Gras zum Feldweg: In seiner Foto-Dokumentation „Gemeinsam“ widmet sich Alexander Rudd einer Dorfgemeinschaft, versteckt in der schleswig-holsteinischen Idylle. Baden, Grillen, Flohmarkt, Radtour, Feuerwehrwagen – sein Thema: das unbeschwerte Zusammenkommen, die Begegnungen auf dem Land.
Dreidimensionale Würfel aus Kieler Gebäuden erstellt
Isabelle Dapperheld hat in ihren Plastiken „Pyrit“ kleine Objekte geschaffen. Dafür kombiniert sie ausschnitthafte Schwarz-Weiß-Bilder der Kieler Anstalt für Milchforschung, des Finanzamts und eines Gebäudes am Bootshafen mit Spiegelfolie – und arrangiert sie als Kubus neu zu dreidimensionalen Würfeln, die sich wie Hochhäuser türmen.
Öffnungszeiten
> Die Ausstellung „was sichtbar wird – all I might see“ ist im spce | Muthesius, Andreas-Gayk-Straße 7-11 in Kiel, zu sehen bis 24. Oktober: mittwochs bis samstags von 15 – 18 Uhr. Während der Jahresausstellung „Einblick/Ausblick“ vom 23. bis 26. Juli ist täglich von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Sommerpause ist vom 27. Juli bis 25. August. Wieder geöffnet ist der spce | Muthesius ebenfalls während der Museumsnacht am Freitag, 28. August, ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.












