Es war ein Fest für die Muthesius Kunsthochschule: Am Sonntag, 28. Juni, hat Oswald Egger, Professor für Sprache und Gestalt, den mit 10.000 Euro dotierten Kulturpreis der Stadt Kiel erhalten. Überreicht worden ist die Auszeichnung von Stadtpräsidentin Bettina Aust und Oberbürgermeister Dr. Samet Yilmaz in einer Feierstunde im Kieler Rathaus. Die Bildende Künstlerin und Muthesius-Absolventin Maria Gerbaulet ist mit dem Förderpreis Kultur gewürdigt worden.
Arne Zerbst: „Oswald Egger ist ein Wortsuchfinder“
Die Laudatio auf Kulturpreisträger Oswald Egger hielt Prof. Dr. Arne Zerbst, Präsident der Muthesius Kunsthochschule. Er betonte: „Diese großartige Auszeichnung ehrt über die Personen hinaus auch die Muthesius Kunsthochschule und stärkt unsere Wahrnehmbarkeit als kultureller Ort mitten in Kiel.“ An Oswald Eggers Arbeiten habe ihn seit je ihre erstaunliche Eigenständigkeit beeindruckt. Egger sei ein „Wortsuchfinder“, seine Werke zu lesen sei ein Wortschatzfest. „Seine Bücher stehen für sich selbst, einzigartig, nicht einzuordnen, eine Klasse für sich! So feiern wir in Oswald Egger einen Retter der Sprache, er rettet sie vor vorschneller Aneignung, er rettet ihre Komplexität, ihre experimentelle Abgründigkeit. Ihn zu lesen ist ein großes intellektuelles Vergnügen!“
Vermittler und Förderer eines künstlerischen Umgangs mit Sprache
Erst vor kurzem hat die Stiftung Buchkunst Oswald Eggers jüngste Publikation „Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung“ zu einem der schönsten deutschen Bücher gewählt. In der Urkunde der Landeshauptstadt Kiel für Oswald Egger steht geschrieben: „Professor Oswald Egger wirkt seit vielen Jahren als Vermittler, Anstifter und Förderer eines freien und künstlerischen Umgangs mit Sprache, ihren Elementen und Ideen. Damit beeinflusst er insbesondere den künstlerischen Nachwuchs in Kiel positiv.“
Als Dank brachte Oswald Egger zwei Wörter mit
Oswald Egger bedankte sich in einer Rede mit einer Gegengabe für die Auszeichnung der Stadt, die ihn auf eine wunderbare Art beispiellos empfangen habe: „Ich habe Ihnen als Dank zwei Wörter mitgebracht: Trost und Jubel – zwei gewichtige, schwere Wörter, die sehr tief wirken.“ Schon andere Lyriker*innen und Schriftsteller*innen hatten vor Oswald Egger den Kieler Kulturpreis erhalten, darunter Dr. Wilhelm Lehmann 1963, Hans-Jürgen Heise 1974, Wolfdietrich Schnurre 1989, Annemarie Zornack 1998, Feridun Zaimoglu 2010 und Arne Rautenberg 2020.
Förderpreis der Stadt Kiel für Maria Gerbaulet
Mit Maria Gerbaulet hat eine Absolventin der Muthesius Kunsthochschule den Förderpreis der Stadt Kiel erhalten, der zum siebten Mal verliehen worden ist. „Maria Gerbaulet bereichert durch ihre Arbeiten und künstlerische Perspektive die zeitgenössische Kunstlandschaft in Kiel und überregional. Sie wird als junge Künstlerin mit großem Zukunftspotenzial geehrt“, heiße es in ihrer Urkunde. Sehr berührt reagierte Maria Gerbaulet auf die Auszeichnung. Es bedeute ihr viel, dass mit Stabilität und Verletzlichkeit zwei Themen ihrer künstlerischen Arbeit sichtbar würden. „Der Preis gibt mir Zeit, mich auf neue Arbeiten fokussieren zu dürfen“, sagte sie. Zudem dankte sie der Kunsthochschule für ihre Förderung, die auch nach ihrem Abschluss erhält, außerdem ihren ehemaligen Professorinnen der Bildhauereiklasse: Elisabeth Wagner sowie Jenny Kropp und Alberta Niemann, dem Künstlerinnenkollektiv FORT.
Sven Christian Schuch: „Künstlerischer Charakter mit charmanter Ernsthaftigkeit“
Sven Christian Schuch, Kurator und künstlerischer Leiter des spce | Muthesius, der die Laudatio auf Maria Gerbaulet hielt, näherte sich der Person und Künstlerin: „Dem künstlerischen Charakter von Maria wohnt eine charmante Ernsthaftigkeit inne, eine grübelnde Art.“ Ihre Arbeit baue „auf die minimalistische Geste. Sie verzichtet auf autobiografische Narrative, meidet Nostalgie und emotionales In-Szene-setzen. Die Objekte selbst sind es, die Aufmerksamkeit fordern und die Spannung halten.“
Stadtpräsidentin Bettina Aust würdigte besondere Bedeutung
Stadtpräsidentin Bettina Aust würdigte, dass der Kultur- und Wissenschaftssenat der Stadt Kiel wieder großartige Personen für den Kulturpreis vorgeschlagen habe. Die diesjährige Preisträgerin und der Preisträger seien „von weither nach Kiel gekommen und haben sich hier eine besondere Bedeutung für die Kunstszene weit über unsere Stadt hinaus erarbeitet – mit Worten und mit Installationen.“
Die demokratische Kraft von Kunst und Kultur sprach Staatssekretär Guido Wendt aus dem Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, in seiner Rede an: „Die Kieler Woche und die Verleihung des Kulturpreises stehen für denselben Gedanken: Menschen zusammenbringen, Verbindungen schaffen und den Blick füreinander offen halten. Kunst und Kultur eröffnen neue Perspektiven und schaffen Raum für Widerspruch. Darin liegt ihre große demokratische Kraft.“
Prof. Oswald Egger, Kieler Kulturpreisträger 2026
Der 1963 in Südtirol geborene und seit 2002 auf der Raketenstation Hombroich (Neuss) lebende Oswald Egger gilt aktuell als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Lyriker im deutschsprachigen Raum. Er studierte Literatur und Philosophie in Wien. 1993 erschien mit „Die Erde der Rede“ die erste größere eigenständige poetische Publikation.
Egger ist vielfach ausgezeichnet worden – unter anderem erhielt er 2024 den renommierten Georg-Büchner-Preis – und seine Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung würdigte, dass er „seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahre 1993 die Grenzen der Literaturproduktion überschreitet und erweitert. Er arbeitet an einem Werkkontinuum, das Sprache als Bewegung, als Klang, als Textur, als Bild, als Performance begreift und sich in der Fortschreibung und Veränderung des Sprachgebrauchs entwickelt.“ Schreiben und Gestalten greifen ineinander bei einigen seiner Bücher, die auch Zeichnungen und Aquarelle des Autors enthalten. Seit 2011 wirkt Oswald Egger als Professor für Sprache und Gestalt an der Muthesius Kunsthochschule.
Maria Gerbaulet, Trägerin des Förderpreises Kultur 2026
Maria Gerbaulet ist eine herausragende junge Künstlerin und die erste Absolventin der Muthesius Kunsthochschule, die mit dem renommierten Bundespreis für Kunststudierende ausgezeichnet worden ist. In der Bundeskunsthalle Bonn wurden Werke aller sieben Preisträger*innen 2025 gezeigt. Zeitgleich war Maria Gerbaulet auch in der Ausstellung zum Gottfried-Brockmann-Preis 2025 der Landeshauptstadt Kiel für junge Künstler*innen vertreten. 2024 hat sie den Arthur-Petersen-Preis der Muthesius Kunsthochschule für ihre herausragende Abschlussarbeit im Studiengang Freie Kunst bekommen. Zudem hat die 1994 im nordrhein-westfälischen Sassenberg geborene Künstlerin bereits weitere Auszeichnungen erhalten, unter anderem den Gustav-Weidanz-Preis für Plastik.
Durch eine starke poetische Kraft zeichen sich ihre Arbeiten aus, die Betrachtende in eine intensive Auseinandersetzung mit den Themen ihrer Kunst einlädt. Ihre Installationen erforschen die Korrelation zwischen Zerbrechlichkeit und Stabilität, indem sie fragile Elemente in Beziehung zu stabilen Strukturen setzen. Diese duale Betrachtung führt zu einer Reflexion über die menschliche Erfahrung und die Komplexität des Lebens.
74 Jahre Kieler Kulturpreis
Seit mehr als 70 Jahren zeichnet die Landeshauptstadt Kiel mit ihrem Kulturpreis Persönlichkeiten aus, die sich durch eigene kreative oder kulturfördernde Leistungen besonders verdient gemacht haben. Der mit 10.000 Euro dotierte Kieler Kulturpreis wird alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Wissenschaftspreis vergeben. Erster Träger des Kieler Kulturpreises war 1952 der Maler Emil Nolde. Der Preis wird auf Vorschlag des Kultur- und Wissenschaftssenats für hervorragende kulturelle Leistungen vergeben. Im Jahr 2014 ist erstmals der mit 4.000 Euro dotierte Förderpreis Kultur verliehen worden; er wird vergeben an junge Menschen, die herausragende kulturell schöpferische Leistungen erwarten lassen.
Festsitzung im Kieler Rathaus
An der Festsitzung der Kieler Ratsversammlung, die traditionell am letzten Sonntag der Kieler Woche ausgerichtet wird, nahmen namhafte Gäste teil: Neben Ratsmitgliedern und Vertreter*innen aus Kultur und Wirtschaft waren auch Guido Wendt, Staatssekretär für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, und Prof. Dr. Catherine Cleophas, Vizepräsidentin der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel und Vorsitzende des Kultur- und Wissenschaftssenats der Landeshauptstadt anwesend.