Alex Wissel ist neuer Professor für Erweiterte Malerei und Zeichnung

Prof. Alex Wissel, Foto: Phillip Kurzhals

Ab dem Wintersemester 2026/27 ist Alex Wissel an der Muthesius Kunsthochschule neuer Professor für Erweiterte Malerei und Zeichnung im Studiengang Freie Kunst. Damit folgt er auf Barbara Lüdde, die seit 2025 eine Vertretungsprofessur in der Klasse für Freie Zeichnung und Druckgrafik innehatte, und auf Piotr Nathan.

Herr Wissel, Sie sind in vielen Medien aktiv – von Film, Schauspiel, Bühnenbild bis hin zur Malerei. Die wichtigste künstlerische Praxis sei für sie aber das Zeichnen, haben Sie in einem Interview gesagt. Warum ist das so?

„Zum einen ist die Zeichnung das künstlerische Medium, das ich schon am längsten ausübe. Zeichnen ist für mich zudem auch das organisierende Zentrum all meiner anderen Tätigkeiten. Das heißt auch ein Medium der Analyse. Jeder transmediale Prozess in meiner Arbeit beginnt mit einer Zeichnung – oder er endet damit.“

Im Studiengang Freie Kunst übernehmen Sie die Grafikklasse, die ab dem Wintersemester neu firmiert: als Klasse für Erweiterte Malerei und Zeichnung. Welche Rolle wird Malerei bei Ihnen spielen?

„Mir ist in meiner Lehre wichtig, dass ich die Interessen und Ideen der Studierenden aufgreife. Natürlich bringe ich auch meine eigenen Themen, Fertigkeiten und Netzwerk mit. Im Idealfall verbindet sich das und wir entwickeln daraus gemeinsam einen eigenen Diskursraum. Dabei möchte ich die Malerei zentral denken: auch als Element, um einen theatralen, medialen und sozialen Raum zu füllen.“

In der Nähe Ihrer Klassenräume ist die Werkstatt für künstlerische Druckgrafik angesiedelt. Welche Möglichkeiten möchten Sie dort ausschöpfen?

„Sehr viele meiner künstlerischen Arbeiten haben einen grafischen Bezug. Ein wiederkehrendes Element in meiner Arbeit ist zum Beispiel die Postergestaltung. Daher habe ich große Lust, in dem Bereich Druckgrafik gemeinsam mit der Klasse weiter zu experimentieren. Besonders interessiert mich dabei, wie mit diesem Medium gruppendynamische Prozesse ausgelöst werden können. Auch für meine ersten Semester habe ich schon ein paar Ideen, die ich mit den Studierenden gerne ausprobieren würde.“

Welche Wünsche hegen Sie mit Blick auf Ihre neue Aufgabe in der Klasse?

„Mein Wunsch ist, dass sich alle Studierenden in der Klasse wohl und gut aufgehoben fühlen. Ich möchte die Lehre gar nicht so sehr vom Ergebnis her denken. Vielmehr ist mir daran gelegen, dass die Studierenden durch kontinuierliches Arbeiten, Gespräche, Gruppenprojekte und Experimentieren den jeweils nächsten Schritt in ihrem eigenen künstlerischen Arbeitsprozess entwickeln.“

Sie haben vor einigen Jahren Erfahrung als Gastprofessor an der Kunstakademie Münster gesammelt. Wie sah Ihre Arbeit mit Studierenden dort aus?

„Die Zeit in Münster war sehr schön. Weil sie jedoch in die Zeit der Covid-Pandemie fiel, fand leider ein Großteil der Lehre über Zoom statt. Der regelmäßige Austausch mit den Studierenden war mir wichtig, um das Diskussionsklima in der Klasse aufrechtzuerhalten. Unser selbstgewähltes Thema für diese Zeit war künstlerische Selbstorganisation – also die Art und Weise wie Künstler*innen Kunsträume als eigenständige künstlerische Setzungen betreiben. Jede Woche lud ich Gäst*innen ein, die uns ihre Projekträume vorstellten. Anschließend entwickelten wir gemeinsam mit den Räumen eigene Ausstellungskonzepte, die wir letztlich in zwei miteinander verbundenen Ausstellungen in München und Münster vorstellten. Auch mit der Gestaltung von Postern schufen wir einen experimentellen, kollaborativen Rahmen, um die Gewohnheiten beim Aufbau von Gruppenausstellungen produktiv zu hinterfragen.“

Das erinnert an Ihre Bars – Sie haben in Düsseldorf eine Gaststätte mit Kegelbahnen gemeinsam mit Künstlerkolleg*innen umgebaut und temporär geöffnet – als Bühne für Vorträge, Konzerte, Partys, in der „Oktoberbar“ oder dem „Single Club“…

„Grundsätzlich interessiert mich die Party oder das Fest als kulturelles Phänomen, das künstlerisch nutzbar gemacht werden kann. In meiner Arbeit habe ich mich dabei auch mit historischen Künstler*innenfesten beschäftigt. Der Single Club war eine experimentelle Veranstaltungsreihe in Düsseldorf, in der über ein Jahr verteilt Künstler*innen und Musiker*innen alternative Formen von Öffentlichkeiten erprobten. Der Club war zudem Bühne für einen Film, den ich gemeinsam mit Jan Bonny gemacht habe. Unser Publikum war sehr heterogen: Neben der Kunst-, Musik- und Kulturszene waren auch völlig kunstfremde Menschen aus dem Umfeld der Bahnhofsgegend da. So wurde jede Veranstaltung zu etwas Einzigartigem: Da es keine festen Regeln und Hierarchien für das Miteinander gab, wurden sie jeweils neu, gemeinsam erarbeitet. Die temporäre Freiheit, die in diesem Raum möglich war, hat für mich etwas Utopisches.“

Im „Single Club“ wurden die Bar und der Club zum Kunstgegenstand, zur Bühne. Basiert diese Neudefinition auf Joseph Beuys‘ Gedanken eines erweiterten Kunstverständnisses?

„Ja, auf gewisse Art kann der Single Club als soziale Skulptur gesehen werden, innerhalb derer ganz viele unterschiedliche Formen von Autor*innenschaften möglich waren. Das ist etwas, was mich grundsätzlich bei Kollaborationen interessiert: einen Raum aufzumachen, innerhalb dem unterschiedliche und wechselhafte Formen von Autor*innenschaft und Publikum möglich werden.“

Sie haben an der Kunstakademie Düsseldorf unter anderem bei Rosemarie Trockel studiert. Wie hat die Künstlerin Sie geprägt?

„Was ich am meisten von ihr gelernt habe, ist lebenslang neugierig zu bleiben. Und dass es wenige bis gar keine Dinge gibt, die uninteressant sind. Das würde ich auch gerne weitergeben.“

Wie sind Sie damals selbst zum Kunststudium gekommen?

„Ich komme aus einer Familie, in der vorher niemand studiert hat. Es war rückblickend wirklich eine sehr glückliche Fügung, wie das zustande gekommen ist: denn ich hatte stets die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt, die mich ermutigt hatten diesen Weg zu gehen. Ansonsten wäre mir das nicht möglich erschienen. So bin ich dann irgendwann an die Kunstakademie Düsseldorf gekommen. Erst war ich ein Semester in der Malereiklasse bei Albert Oehlen, bin aber dann in die Trockel-Klasse gewechselt. Dort wurde gerade ein gemeinsames Theaterstück über antiautoritäre Erziehung vorbereitet. Mein Beitrag war ein eigenständiges kleines Stück im Stück: Thematisch ging es bei mir um die Sozial- und Kulturgeschichte von Rotkäppchen. Lange vor der Märchensammlung der Gebrüder Grimm gab es schon im Mittelalter in Frankreich eine Version der Rotkäppchengeschichte: Ursprünglich war es eine Art Schutzmärchen für Bauernkinder, die ihnen zeigen sollte, wie sie sich verhalten sollten, wenn sie auf Vergewaltiger im Wald trafen. In der Ursprungsversion befreit sich Rotkäppchen. Das Märchen wurde über die Jahrhunderte immer wieder den Erziehungsidealen seiner Zeit angepasst und veränderte sich dementsprechend. Auch Freud schrieb dazu – es gibt sogar eine antiautoritäre 68er „Freie Liebe“ Interpretation. Im Theaterstück präsentierte ich diese unterschiedlichen Versionen in einer Textcollage und spielte dabei selbst Rotkäppchen und den bösen Wolf in einer Person. Aus dem Dokumentationsmaterial vom Film schnitt ich eine eigenständige Videoarbeit. Im Nachhinein sehe ich, dass da zum ersten Mal viele Dinge zusammengekommen sind, etwa transmediale Prozesse, Zeichnung und das Arbeiten mit Kulturgeschichte, die auch in meiner späteren Arbeit wichtig wurden.“

Das klingt nach einem Projekt mit ernsthaftem Charakter. Sie arbeiten auch viel mit Humor, mit Ironie. Weshalb?

„Oft haben meine Arbeiten einen ernsthaften Hintergrund und recht schwere Themen, beispielsweise die Wurzeln von Rechtsradikalismus, Nationalismus oder Neoliberalismus. Humor ist für mich ein Mittel, um diese Themen zu adressieren. Viele Leute würden sich ansonsten verschließen, wenn es zu diesen Themen kommt. Humor kann wie eine Art Türöffner funktionieren, um darüber ins Gespräch zu kommen.“

In einem Interview haben Sie über Ihre Kunst gesagt, man müsse die Vergangenheit kennen, um die Gegenwart zu verstehen. Welche Rolle spielen deutsche Geschichte und Vergangenheit in Ihren Arbeiten?

„Es geht mir gar nicht nur um deutsche Geschichte, sondern allgemein um Geschichte und vielmehr um Geschichtskonstruktionen. Damit verbunden spielt der Ort immer eine Rolle – weil jeder Ort seine eigene Geschichte mitbringt. Ich finde es interessant, Geschichte als ein Werkzeug zu begreifen um die Gegenwart sichtbar zu machen. Oft wird die Vergangenheit als etwas Starres, Unverrückbares betrachtet, doch auch unser Bild der Vergangenheit unterliegt Veränderungen und wandelt sich stetig. Es ist gemacht und veränderbar.“

Auch Kiel ist ein Ort, an dem sich viel Geschichte entdecken lässt. Was verbinden Sie mit der Stadt?

„Nach Kiel gekommen bin ich das erste Mal durch Jan Bonny – er ist Regisseur und mein Langzeitkollaborateur, mit dem ich seit etwa 15 Jahren Film- und Theaterprojekte gemeinsam umsetze. Weil Jan 2017 den Kieler Tatort ‚Borowski und das Fest des Nordens’ gedreht hat, war ich zum ersten Mal in der Stadt. In dem Krimi, der während der Kieler Woche gedreht wurde, spiele ich eine kleine Nebenrolle: einen bösen Matrosen mit einem Baby auf dem Arm. Schon damals hat mir Kiel sehr gut gefallen und ich freue mich darauf, es jetzt noch besser kennenzulernen!“

Zur Person

Alex Wissel, 1983 in Aschaffenburg geboren, studierte von 2004 bis 2010 an der Kunstakademie Düsseldorf und der Ecole Nationale des Beaux Arts in Lyon. Sein Studium beendete er als Meisterschüler von Rosemarie Trockel. Von 2020 bis 2021 erhielt er eine Gastprofessur für Malerei an der Kunstakademie Münster. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf. Für sein vielseitiges Werk hat er unter anderem den Kulturförderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, den Förderpreis der Stadt Düsseldorf und den Landsberg Preis erhalten. Für namhafte Bühnen hat Alex Wissel Bühnenbilder gestaltet, darunter die Volksbühne Berlin, das Theater Basel und das Schauspiel Köln; seine Arbeiten wurden in zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt, darunter in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, dem mumok Wien, dem Berliner Ensemble, dem Museum Abteiberg, dem Filmfest München und der Akademie der Bildenden Künste Belgrad.

Weitere Infos über Alex Wissel: www.alexwissel.net oder bei Instagram: @wissel.alex

07.10.2026 •

Im Fokus

Im Fokus

Übergeordnetes Ziel der Muthesius Kunsthochschule in Kiel ist es, durch künstlerisch-gestalterische Entwicklungs- und Forschungsvorhaben als Kristallisationspunkt für Arbeiten und geistige Auseinandersetzungen auf den Gebieten der Kunst, der Raumkonzeption und des Designs zu wirken. Die Muthesius Kunsthochschule in Kiel als einzige Kunsthochschule des Landes Schleswig-Holstein ist nicht nur ein Ort der Ermöglichung kulturell relevant werdender Biografien, sondern mit ihrem Projektstudium auch ein Ort besonderer Experimente und Realisierungen.
 Die Profile der Masterstudiengänge stellen teilweise in der Bundesrepublik einzigartige Studienangebote und Entwicklungsmöglichkeiten für Studierende dar.

„Im Zentrum der Muthesius Kunsthochschule steht die Kunst, das Künstlerische und das Gestalterische, das Schaffende und die Produktivität. Um diese Mitte bewegt sich auch das grundsätzliche Verhältnis von Theorie und Praxis. Dieses Wechselverhältnis ist ein permanenter Prozess, eine kreisende Bewegung um das von Kunst und Design ausgehaltene Zentrum. Es ist Freiraum nötig, um sich zu bewegen. Deshalb ist die erste Bedingung für Kunst und Design an unserer Hochschule Freiheit! Zum Studium an der Muthesius Kunsthochschule gehört der Wille, diese Freiheit zu nutzen, um zu einer ebenso kreativen wie produktiven Persönlichkeit heranzureifen. So können wir unseren Studierenden persönliche Biografien ermöglichen“, verspricht Präsident Dr. Arne Zerbst.

Rund 630 Studienplätze verteilen sich zurzeit auf die Studiengänge Freie Kunst, Kunst Lehramt an Gymnasien, Szenografie/Interior Design/Raumstrategien, Kommunikationsdesign und Industriedesign.

FORSCHUNG UND PROJEKTE

Das Studium an der Muthesius Kunsthochschule ist projektorientiert. Studierende werden frühzeitig ermutigt, Erfahrungen mit realen Auftraggebern zu machen. Mit dem Zentrum für Medien wurde eine  interdisziplinär arbeitende Einrichtung geschaffen, die den Studierenden dabei helfen, ihre Projekte erfolgreich zu realisieren.
Durch die Teilnahme an Exzellenzclustern zählt die Muthesius Kunsthochschule zu jenen international sichtbaren und wettbewerbsfähigen Forschungseinrichtungen, die dazu beitragen, den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken. Zahlreiche Kooperationspartner auf lokaler, nationaler wie internationaler Ebene schätzen an der Muthesius Kunsthochschule ihre interdisziplinäre Kursstruktur sowie das persönliche Klima mit Semesterstärken von maximal 20 Studierenden – eine hervorragende Basis für Diskurse mit Innovationspotential.

INTERNATIONALITÄT

Studierende und Lehrende setzen sich jedes Semester im Rahmen interdisziplinärer Workshop-Wochen und hochschulintern organisierter, öffentlicher Symposien mit nationalen und internationalen Positionen in Kunst und Design auseinander. Internationale Dozenten sind stets Bestandteil dieser Pflichtveranstaltungen. Aus über 30 Ländern der Welt kommen junge Menschen in Kiel zum Kunst- und Designstudium zusammen. Ihr Anteil an der Studierendenschaft beträgt 14 Prozent, Tendenz steigend. Damit liegt die Muthesius Kunsthochschule weit über dem Bundesdurchschnitt.

WEBLOGS DER LEHRGEBIETE

Um die Vielfalt der Muthesius Kunsthochschule darstellbar zu machen, gibt es neben den »offiziellen« Informationsseiten (die farbige Hälfte dieser Webseite) über 40 Weblogs (die weiße Hälfte dieser Webseite), die von den einzelnen Lehrgebieten selbst gepflegt aktualisiert werden.

Für ganz Eilige haben wir hier eine kurze Bookmarkliste zusammengestellt:
Das digitale Vorlesungsverzeichnis
Who is who an der Muthesius
-Personenverzeichnis
Medienformationen für die Presse
Die Termine der Mappenberatung

Bibliothek (Katalog und Öffnungszeiten)

 

SEMESTERZEITEN

Sommersemester 2026
Semesterzeitraum: 01.04.2026 – 30.09.2026
Vorlesungszeit: 07.04.2026 – 24.07.2026

Wintersemester 2026/2027
Semesterzeitraum: 01.10.2026- 31.03.2027
Vorlesungszeit: 19.10.2026 – 19.02.2027
Vorlesungsfrei: 21.12.2026 – 03.01.2027

Sommersemester 2027
Semesterzeitraum: 01.04.2027- 30.09.2027
Vorlesungszeit: 05.04.2027 – 23.07.2027

Wintersemester 2027/2028
Semesterzeitraum: 01.10.2027 – 31.03.2028
Vorlesungszeit: 18.10.2027 – 18.02.2028
Vorlesungsfrei: 20.12.2027 – 02.01.2028

 

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Die Muthesius Kunsthochschule tritt entschieden für die Anerkennung und Akzeptanz jeglicher Identitätskonzepte (LGBTQIA*) jenseits von binärer Geschlechterordnung und Heterosexualität ein.
(Bitte informieren Sie sich über die Gleichstellungsarbeit auf der Website der Kommission für Gleichstellung und Diversität: E-Mail: gleichstellungskommission@muthesius.de.)