Seit dem Wintersemester 2025/2026 unterstützt Duy An Tran als Lehrende den Studiengang Raumstrategien. Sie folgt damit auf Prof. Michael Breda, der bis zum Sommer 2025 an der Muthesius Kunsthochschule tätig war.
Frau Tran, Sie sind bereits seit dem Wintersemester 2025/2026 an der Muthesius Kunsthochschule tätig – welche Aufgaben haben Sie dort übernommen?
„Ich unterrichte im Studiengang Raumstrategien die Bachelorstudierenden mit einem Fokus auf das Thema Transformation im Bereich Architektur und Urbanistik. Ich komme aus der Praxis, bin praktizierende Architektin und arbeite in Berlin gemeinsam mit fünf Kolleg*innen in unserem eigenen Architekturbüro c/o now.
Als Vertretung der Professur von Michael Breda betreue ich an der Muthesius Kunsthochschule im Semester den Hauptentwurf. Dabei beschäftigen wir uns nicht nur mit der formalen oder baulichen Ausgestaltung von Raum, sondern versuchen darüber hinaus, den jeweiligen Kontext eines konkreten Ortes oder des gebauten Raums in seinen räumlichen, gesellschaftlichen und strukturellen Zusammenhängen kritisch zu verstehen, Problemstellungen aufzudecken und Vorschläge für bauliche und räumliche Interventionen mit einem möglichst wirksamen gesellschaftspolitischen und sozial-ökologischen Mehrwert zu erarbeiten.“
Wie hat das konkret ausgesehen?
„Im ersten Semester meiner Lehrtätigkeit haben wir uns in Kiel mit der Großsiedlung Mettenhof aus den 1960er- und 1970er-Jahren auseinandergesetzt. Wir haben uns gefragt: Was fehlt dort und was sind die Nachteile einer solchen Siedlung, die nach dem modernen Prinzip einer funktionalen und autogerechten Stadtplanung aufgebaut wurde? Was sind aber auch vorhandene und erhaltenswerte Qualitäten? Wie gehen wir mit dem Gegebenen um und welche Interventionen können vorhandene soziale und bauliche Strukturen stärken und verbessern?
Mit den Studierenden habe ich Stadtspaziergänge durch Mettenhof unternommen. Wir haben mit Bewohner*innen gesprochen, viel Leerstand kartographiert, aber auch erkannt, dass es dort an Third Places fehlt. Darauf aufbauend wurden programmatische und bauliche Vorschläge entwickelt. So hat eine Gruppe von Studierenden beispielsweise aus einem ungenutzten Parkhaus eine Sporthalle konzipiert. Andere haben einen Treffpunkt am See erdacht, mit kleineren und größeren planerischen Setzungen, wie etwa einem Entwurf für ein neues Open-Air-Theater oder einem Café am See.“
Welche weiteren Projekte sind Sie angegangen, um dieses Wissen am Beispiel zu erproben?
„In diesem Sommersemester haben wir gemeinsam mit dem zweiten Bachelorsemester in Berlin ein besonders schönes Semesterprojekt unter dem Titel „SAFE/VE SPACE“ realisiert: Eine offene Freizeit- und Bildungsstätte für Kinder und Jugendliche, der „K3 – Kiez Kids Klub“, war in die Räume einer ehemaligen Bankfiliale gezogen und benötigte Unterstützung bei der Raumorganisation und beim Umbau. Dabei war nicht nur die Adaption der in die Jahre gekommenen Bankräume zu adäquaten Lern- und Aufenthaltsräumen für Kinder und Jugendliche innerhalb eines Semesters herausfordernd. Aufgrund der Sparpolitik des Berliner Senats in den vergangenen Jahren im Kinder-, Jugend- und Sozialbereich gab es auch kaum Budget für das Vorhaben. Es fehlte unter anderem an einem Ruheraum, einem geschützten Hausaufgaben- und Lernbereich sowie an diversen Möbeln.
Die Studierenden haben Informationen, Bedarfe und Wünsche der Nutzer*innen in einem partizipativen Workshop ermittelt und gesammelt. Darauf aufbauend haben sie flexible Möbel entworfen, die unterschiedliche Raumteilungen und -nutzungen ermöglichen sollen. Dank einer Förderung, die die Einrichtung erhalten hat, konnte vieles davon als Prototyp vor Ort in einem gemeinsamen Bauworkshop mit den Kindern und Jugendlichen sowie Sozialpädagog*innen und Handwerker*innen umgesetzt werden. Dabei sind nicht nur schöne und clevere Möbel und Räume entstanden. Besonders bewegend war dabei zu sehen, wie ein solcher Prozess für alle Beteiligten ermächtigend und gemeinschaftsfördernd wirken kann.“
Das klingt nach einer Win-win-Situation für alle Beteiligten.
„Absolut! Das Beispiel zeigt, wie wichtig es bei solchen Aufgabenstellungen ist, mit den Nutzer*innen und Akteur*innen zusammenzuarbeiten und die politischen Hintergründe kennenzulernen, um zu verstehen, in welchem Rahmen wir uns als Planer*innen bewegen, welche Handlungsmöglichkeiten wir haben und welche Auswirkungen unser Tun haben kann. Diese Einblicke sind sehr wertvoll!
Im besten Fall wird ein Projekt gemeinsam mit allen Akteur*innen entwickelt, um wirkliche gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen und ihr Gestalt zu geben. Darin sehe ich ein Potenzial des Studiengangs Raumstrategien, also im Erkennen und Benennen räumlicher Frage- und Problemstellungen sowie in der Erarbeitung von Lösungsansätzen und Strategien für den Umgang mit diesen Fragen.
Dabei müssen es nicht immer zwangsläufig bauliche Interventionen sein. Das Ausrichten eines Nachbarschaftsfestes beispielsweise kann sozialräumlich wesentlich wirksamer sein als die Gestaltung einer Sitzbank, auf der sich vielleicht niemand aufhalten möchte. Die Fähigkeit zu erkennen, worin ein Problem liegt, was eine Zielsetzung alles umfassen könnte und welcher Weg beziehungsweise welche Lösung dafür adäquat ist, möchte ich den Studierenden in meiner Lehre vermitteln. Denn gerade unter den Bachelorstudierenden kursieren die Fragen: Was werde ich überhaupt einmal? Was kann ich nach dem Studium arbeiten?“
Und wie antworten Sie den Studierenden darauf?
„Die Studierenden lernen ja nicht unter denselben Bedingungen, unter denen ich beispielsweise noch studiert habe. Es gibt neue, krisenbehaftete Herausforderungen, etwa die Frage: Wie wollen und können wir in Zeiten der Klimakrise planen und entwerfen? Wie begegnen wir zunehmenden sozialen und ökonomischen Unsicherheiten und Konflikten?
Meiner Meinung nach gibt es auf diesem Gebiet sehr viel zu tun. Das Feld der Raumdisziplinen ist breit gefächert und lässt offen, in welchen Bereichen sich Absolvent*innen einfinden können, sei es im Bühnenbild, in der Ausstellungs- oder Innenarchitektur, bei der Konzeption oder Realisierung temporärer Interventionen im öffentlichen Raum, in der künstlerischen oder theoretischen Beschäftigung mit Städten und Raum oder in der Beratung und Umsetzung unterschiedlicher Vorhaben von Einrichtungen, Institutionen oder privaten Akteur*innen.
Absolvent*innen der Raumstrategien sollten nach ihrem Abschluss die Fähigkeit haben, diverse Aspekte räumlicher Fragestellungen integriert zu denken und hoffnungsvolle Anregungen zu liefern. Insofern gibt es auf diesem Feld beinahe schon aktivistische Tendenzen.“
Sie selbst haben Architektur studiert. Was ist der größte Unterschied zwischen Ihrem Studium und dem, was Sie den Studierenden heute beibringen?
„Ich habe in einer Zeit studiert, als Architektur noch stärker patriarchal und hierarchisch gelehrt wurde. Die Professur stellte eine konkrete Entwurfsaufgabe, die es zu lösen galt. Die Lehrenden gaben die Richtung vor, und die Studierenden hatten diese möglichst überzeugend umzusetzen. Gesellschaftliche, soziale oder ökologische Fragestellungen wurden während meiner Ausbildung deutlich weniger adressiert.
Ich erinnere mich noch an meine erste Aufgabe als Studentin, bei der ich einen Entwurf für ein kleines privates Ferienhäuschen für einen fiktiven Weinliebhaber auf einem fiktiven Seegrundstück erarbeiten sollte. Architektur wurde in der Lehre lange als eine Disziplin verstanden, die sich vorwiegend an den Bedürfnissen und Vorstellungen privilegierter gesellschaftlicher Gruppen orientierte. In deren Auftraggeberschaft sah man offenbar das größte Potenzial für anspruchsvolles und herausragendes architektonisches Schaffen. Einen Bezug zu relevanten gesellschaftlichen Problemstellungen habe ich in meiner Ausbildung häufig vermisst.
Die Raumstrategien bieten das Potenzial, über den in der Architektur nach wie vor stark präsenten Schönheits- und Gestaltungsdiskurs hinauszugehen. Während sich die klassische Architekturlehre häufig vor allem mit dem Entwurf und dessen Ergebnis auseinandersetzt, können die Raumstrategien bereits die Bedingungen und Prozesse des Gestaltens selbst in den Mittelpunkt rücken und diese Prozesse mitgestalten werden. Wer kann es sich heutzutage überhaupt leisten zu bauen? Wer trifft die Entscheidungen? Für wen und unter welchen Voraussetzungen wird gebaut? Welche Ressourcen werden eingesetzt? Und welche Akteur*innen gilt es in die Prozesse einzubeziehen?
Damit wird nicht allein das räumliche Ergebnis zum Gegenstand der Auseinandersetzung, sondern ebenso die gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen und ökologischen Bedingungen und Aushandlungsprozesse, die seiner Entstehung vorausgehen und es prägen. Der Blick weitet sich somit vom Entwurf als gestalterischer Einzelaufgabe hin zu einem umfassenderen Verständnis von Raumfragen und räumlicher Gestaltung als gesellschaftlichem, kollektivem und politischem Prozess.“
Die Raumstrategien berühren ja auch Belange der Soziologie, wenn es um Fragen nach Gemeinwohl und Miteinander geht, um gesellschaftlichen Phänomenen wie der Vereinzelung entgegenzuwirken – oder nicht?
„Genau, es gibt einen gesellschaftlichen Auftrag, den ich gemeinsam mit den Studierenden auf unterschiedlichen Ebenen zu erlernen und einzuüben versuche. Einerseits versuchen wir, kooperativ und auf Augenhöhe innerhalb des Studios einen Raum der Gemeinschaft und des Austauschs zu schaffen. Das bedeutet, dass wir am Studiotag mindestens fünf Stunden lang gemeinsam, ähnlich wie in einem Projektbüro, zusammenarbeiten, dabei Themen diskutieren und Dinge erproben. Wichtig ist mir, Wissen miteinander zu teilen und unterschiedliche Fähigkeiten und Stärken der Studierenden zum Wohle aller zu aktivieren. Denn auch nach dem Studium werden die allerwenigsten allein Projekte realisieren. Und es ist eine große Stärke des Studiengangs Raumstrategien, dass er zwischen verschiedenen Disziplinen und Akteur*innen vermitteln kann. Andererseits wird die soziale Verantwortung, wie schon beschrieben, auch in den zu bearbeitenden Entwurfsprojekten stets adressiert.“
Was gibt Ihnen die Arbeit mit den Studierenden?
„Als jemand, der aus der Praxis kommt, finde ich es sehr erfrischend, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen und ihre Perspektiven kennenzulernen. Für manche Themen gibt es einfach keine Referenzen oder Vorzeigebeispiele. Am spannendsten ist es deshalb, wenn wir im Studio gemeinsam eigenständige Lösungsansätze entwickeln können. Ich bin auch an den Themen und Debatten der jüngeren Generation interessiert. Dieser Austausch ist aber auch wechselseitig, beide Seiten profitieren voneinander. Mit meiner Erfahrung Mut zu machen und die Entwicklung der Studierenden zu beobachten, das genieße ich sehr.“
Sie selbst sind in verschiedenen ost- und westdeutschen Städten aufgewachsen, haben in Stuttgart und Aarhus studiert, leben und arbeiten in Berlin und lehrten gemeinsam mit Kolleg*innen von c/o now im österreichischen Innsbruck. Welche Berührungspunkte haben Sie nach Kiel geführt?
„Ich hatte vorher keine Berührungspunkte mit Kiel, bis unser Büro zu der Vortragsreihe der Raumfragen nach Kiel eingeladen wurde, und ich war begeistert von der Atmosphäre, den spannenden und anregenden Gesprächen, die sich ergeben haben, und vom Campus – all das hat mir sehr gefallen. Es ist eine tolle Chance, hier unterrichten zu können.“
Haben Sie auch Pläne, wieder in Kiel etwas zu gestalten?
„Ja, in diesem Semester ist das Entwurfsprojekt in Kiel angesiedelt. Beim Stadtplanungsamt, in der Abteilung Stadtentwicklung, habe ich nach potenziellen Raumressourcen auf dem MFG-5-Gelände gefragt und bin dadurch auf das Hochhaus des Max-Rubner-Instituts in der Nähe des Exerzierplatzes aufmerksam geworden. Bei dem Gebäude handelt es sich um ein ehemaliges Milchforschungszentrum, dessen Nutzung voraussichtlich 2029 aufgegeben wird. Für die Stadt Kiel wird diese Immobilie wahrscheinlich eine reale (Bau-)Aufgabe werden.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Mietenkrise und des zunehmend umkämpften Wohnungsmarktes werden sich die Studierenden in diesem Semester selbst in die Perspektive potenzieller Nutzer versetzen müssen, indem sie die Aufgabe erhalten, das Gebäude in ein Wohnhaus für Studierende umzunutzen. Neben der Frage, was sie sich unter zeitgemäßem Wohnen für Studierende vorstellen, werden wir in der Analysephase den Bestand – ein Hochhaus in Sonderbauweise –, die nähere Umgebung und den erweiterten Kontext untersuchen und versuchen, Programme und Bedarfe an diesem Ort zu ermitteln. Natürlich haben wir dabei die Hoffnung, dass sich die Stadt Kiel von den Entwürfen und den Nutzungsideen später auch bei einer konkreten Planung für das Gebäude inspirieren lässt.“
Was möchten Sie Ihren Studierenden in dieser besonderen Zeit mitgeben?
„Meine Kolleg*innen von c/o now und ich verstehen Universitäten und Kunsthochschulen nicht als abgeschlossene akademische Räume, sondern als Institutionen, die sich aktiv in gesellschaftliche Prozesse einmischen können und müssen. Gerade dort, wo Politik und Stadtgesellschaft ihren Aufgaben nicht ausreichend nachkommen oder gesellschaftliche Bedarfe ungedeckt bleiben, können entwerferische und künstlerische Praktiken neue Perspektiven eröffnen. Die positiven Erfahrungen meiner Kolleg*innen in der Lehre an der Universität Siegen und der Kunsthochschule in Linz (siehe auch ARCH+ 261, Stadtumbau – Schulen der Transformation) bestärken mich darin, Studierende nicht nur als Lernende, sondern als aktiv Mitgestaltende gesellschaftlicher Prozesse zu verstehen.
Daher würde ich mir wünschen, dass sich die Studierenden untereinander und darüber hinaus mit gesellschaftlichen Akteur*innen vernetzen, Allianzen bilden und gemeinsam eine kritische Masse entwickeln. Eine solche Vernetzung kann ihnen ermöglichen, bestehende Strukturen und Zuständigkeiten zu hinterfragen, eigene Handlungsspielräume zu erkennen und nicht zuletzt selbst aktiv zu werden, um gesellschaftliche Veränderungsprozesse anzustoßen und mitzugestalten.“
Zur Person
Duy An Tran, geboren 1988 in Bad Cannstatt, studierte Architektur an der Universität Stuttgart und der Arkitektskolen Aarhus. Seit 2019 ist Duy An Tran Teil des Berliner Architekturbüros c/o now. c/o now beschäftigt sich mit dem Vorstellen und Realisieren von Objekten, Architektur und Urbanität ebenso wie mit der redaktionellen Revision damit verbundener Themen. 2023 wurde c/o now mit dem Bauwelt-Preis ausgezeichnet. 2025 hatte das Studio die kollektive Gastprofessur am Institut für Gestaltung 1 (Gebäudelehre und Wohnbau) der Fakultät für Architektur an der Universität Innsbruck inne. c/o now wurden als Rompreisträger 2027/28 der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo ausgewählt. Den Aufenthalt in Rom tritt Duy An Tran gemeinsam mit Paul Reinhardt an.