Der weibliche Körper zieht sich wie ein roter Faden durch die künstlerische Arbeit von Nilofar Rezai: Während ihres Studiums war er ihr Fokus, im anschließenden Muthesius-Projektstipendium und während ihrer Arbeit als freischaffende Künstlerin. Unter dem Titel „Unter der Oberfläche“ hat Nilofar Rezai nun eine Publikation veröffentlicht, die sich textlich und in Zeichnungen mit dem Thema beschäftigt.
Doch von vorn: 2011 beginnt Nilofar Rezai, Kunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel zu studieren. Zunächst absolviert sie ihren Bachelor in der Medienklasse von Professor Arnold Dreyblatt und studiert schwerpunktmäßig bei Professorin Dr. Petra Maria Meyer am Institut für Kunst-, Design- und Medienwissenschaften (IKDM). 2019 schließt sie ihr Kunststudium mit dem Master ab, hat zu diesem Zeitpunkt zwei Erasmus-Aufenthalte im spanischen Sevilla und Almería hinter sich und bewirbt sich für das Muthesius-Projekt: Von 2020 bis 2022 legt sie diese postgraduale künstlerisch-gestalterische Qualifikation ab, mit der die Muthesius Kunsthochschule ihre Absolvent*innen auf dem Weg in die Freiberuflichkeit unterstützt.
Das Muthesiusprojekt „war für mich eine Art Zwischenstation“
„Für das Muthesiusprojekt bin ich sehr, sehr dankbar“, sagt die Künstlerin. Was ihr die Förderung bedeutet hat? „Es war für mich eine Art Zwischenstation. Ich befand mich noch in einem geschützten Raum und hatte gleichzeitig die Möglichkeit, über diesen hinauszublicken, erste Erfahrungen außerhalb des akademischen Umfelds zu sammeln und mich als Künstlerin zu erproben. Ich konnte mich mit Fördermöglichkeiten, Buchführung und Finanzen beschäftigen und herausfinden, wie ich beruflich Fuß fassen kann, ohne sofort ganz auf mich allein gestellt zu sein“, erklärt Nilofar Rezai. Wer für das ein Jahr andauernde Muthesiusprojekt angenommen wird, kann weiterhin an der Muthesius Kunsthochschule eingeschrieben bleiben und die Vorteile des Studierendenstatus nutzen. Zudem ist es erforderlich, dass eine Betreuung durch Dozent*innen der Hochschule fortgeführt wird. Die Projekte der Stipendiat*innen fördert die Kunsthochschule mit bis zu 5.000 Euro für Sach- und gegebenenfalls für Reisemittel, außerdem zählt eine Präsentation des Projekts im Hochschulrahmen zu den Vorteilen: So kann etwa im spce | Muthesius, bei der Jahresausstellung „Einblick/Ausblick“ oder während der Kieler Museumsnacht ausgestellt werden, was erarbeitet worden ist.
Abschlussausstellung im spce | Muthesius
Diese Chance hat Nilofar Rezai im August 2022 erhalten: Mit ihrer Einzelausstellung „Unter der Oberfläche“ hat sie über mehrere Wochen den Ausstellungsraum spce | Muthesius in der Kieler Innenstadt bespielt. Zu sehen waren – kuratiert von spce-Kurator Sven Christian Schuch – ihre titelgebende Drei-Kanal-Videoinstallation, die einen radikal-intimen Einblick in die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper liefert, aber auch skulpturale Werke und ein Textil, das Besucher*innen dazu einlud, einen vorgestickten Text zu vervollständigen.
Das Thema Schwangerschaftsabbruch bleibt hochaktuell
„Ich habe mich schon immer für Frauenrechte interessiert, für die Rolle, die der weibliche Körper in der Gesellschaft und Kulturen und Geschichten spielt und davon ausgehend für den Schwangerschaftsabbruch als Thema“, sagt die Künstlerin. Die Zeit ihres Muthesiusprojekts hat sie für ihre Recherche genutzt – begleitet von der Debatte in Polen, wo es zu dieser Zeit um die Abschaffung des Abtreibungsrechts ging. „ Mir ging es aber nicht darum, Frauen über ihre Rechte aufzuklären, sondern vielmehr darum, über ihre Erfahrungen, Erinnerungen und das zu sprechen, was eine Abtreibung hinterlässt oder gar nicht hinterlässt. Interessant fand ich dabei auch den weitverbreiteten Irrtum, dass ein Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nicht strafbar sei. Tatsächlich ist er grundsätzlich strafbar, bleibt jedoch unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Im Mittelpunkt stand für Nilofar Rezai die Frage: Wie und warum sind persönliche Entscheidungen untrennbar mit politischen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Deutungshoheiten verbunden? Vor dem Hintergrund der immer wieder hitzig geführten Debatten um die Paragrafen 218 und 218a des Strafgesetzbuches bleibt dieses Thema hochaktuell.
Ihre Publikation vertieft die thematische Auseinandersetzung
Nach der Ausstellung und der langen Zeit der Recherche „war mir wichtig, etwas zu schaffen, das bleibt und das weitergegeben werden kann“: Ihre Publikation vertieft diese Auseinandersetzung und geht den Fragen nach: Wie werden Emotionen gesellschaftlich und politisch geprägt? Inwiefern beeinflussen rechtliche und soziale Strukturen die Vorstellung von Entscheidungsfreiheit? Im Zentrum stehen die emotionalen und gesellschaftlichen Dimensionen des Schwangerschaftsabbruchs. Untersucht werden die Empfindungen, die mit einer Abtreibung verbunden sein können – zwischen Angst, Trauer, Befreiung und Erleichterung – sowie die kulturellen und politischen Bedingungen, unter denen diese Gefühle entstehen und verhandelt werden.
Die Publikation vereint Zeichnungen und Erfahrungsberichte
In ihrer 28 Seiten umfassenden Publikation „Unter der Oberfläche“ steht am Anfang und am Ende eine Zeichnung der Gebärmutter. „Oftmals wird der weibliche Körper als reines Gefäß verstanden, dieses Bild wollte ich aufgreifen“, erklärt die Künstlerin. In ihren Zeichnungen illustriert sie den Verlauf einer Schwangerschaft und deren Folge für den weiblichen Körper. In Geschichten, die auf persönlichen Interviews basieren, kommen Frauen zu Wort, die sich für oder gegen eine Abtreibung entschieden haben. Gebunden ist das Büchlein mit einem roten Faden – der sich durch die Seiten zieht und aus dem Buchrücken herausläuft.
Und heute? Nilofar Rezai lebt inzwischen in Hamburg und arbeitet als freischaffende Künstlerin. Nach ihrem Muthesiusprojekt hat sie verschiedene Künstler-Residencies durchlaufen, nebenbei Kunst am Gymnasium in Quickborn unterrichtet. Zurzeit arbeitet sie an einem Dokumentarfilm, der von der MOIN Filmförderung gefördert wird.
- Die Publikation „Unter der Oberfläche“ ist erhältlich im Muthesius-Shop. Sie ist in einer Auflage von 98 Exemplaren erschienen und kostet 20 Euro.
- Interesse am Muthesiusprojekt? Für die postgraduale Qualifikation können sich Absolvent*innen der Kunsthochschule bis zum 1. November bewerben.
Fotos: Portrait Nilofar Rezai (privat), Ausstellungsansichten im spce | Muthesius: Paul Dorobisz


