Interdisziplinäres Symposion des Forums/IKDM der Muthesius Kunsthochschule, Kiel, konzipiert von Petra Maria Meyer und Laura Carlotta Cordt.
Essayistisches Denken zwischen Philosophie und Kunst
11.-13.06. 2026. Aula im Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule
„Seien wir zuletzt, gerade als Erkennende, nicht undankbar gegen solche resolute Umkehrungen der gewohnten Perspektiven und Werthungen, mit denen der Geist allzulange scheinbar freventlich und nutzlos gegen sich selbst gewüthet hat: dergestalt einmal anders sehn, anders-sehn-wollen ist keine kleine Zucht und Vorbereitung des Intellekts zu seiner einstmaligen ‚Objektivität‘ – letztere nicht als ‚interesselose Anschauung‘ verstanden (als welche ein Unbegriff und Widersinn ist), sondern als das Vermögen, sein Für und Wider in der Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so daß man sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu machen weiss.“ (Friedrich Nietzsche)
1887 konfrontiert Nietzsche die Forschungskultur und eine Politik des Wissens mit einem von ihm umgewerteten Verständnis von „Objektivität“. Wer „objektiv“ schreiben will, bringt ein „Für und Wider“ ein, berücksichtigt die „Verschiedenheit der Perspektiven“ und unterschlägt nicht den Einfluss der sonst als subjektiv ausgeschlossenen „Affekt-Interpretationen“. Subjektivität und Objektivität schließen einander nach diesem Verständnis nicht mehr aus, ergänzen sich vielmehr in unterschiedlich erkenntnisstiftender Hinsicht. Zugleich ist sich Nietzsche gewiss, nicht alle möglichen Perspektiven einnehmen zu können, so dass sich jede Erkenntnissuche nur mit dem eingeschränkten Anspruch auf Vorläufigkeit auf einen Denkweg macht, der nie alle Umstände berücksichtigen kann, weil sie womöglich noch gar nicht vorliegen.
Genau diese Merkmale weist ein essayistisches Denken als Versuch des „kritischen Abwägens“ auf, das im Zentrum des Interesses dieses Symposions steht (vgl. frz. essai: „Versuch“, lat. exagium, dt. „Wägung“, „Gewicht“ und lat. exagere, dt. abwägen, prüfen). Ein solches Denken wird von Montaigne schon bei Platon wahrgenommen und ist der Sache nach von der Antike über die Romantik bis heute zu finden. Mit historischem Fokus fällt auf, dass sich dieses Denken immer dann zeigt, wenn Kritik an philosophischen Richtungen, kanonisiertem Wissen und gesellschaftlichen Verhältnissen aufkommt: Kritik am Christentum, an der Scholastik, am Kapitalismus, am Marxismus, am Rationalismus, usw. Aus europäischer Perspektive erscheint es insofern nicht zufällig, dass der Begriff „Essai“ im Humanismus des 16. Jahrhunderts aufkommt, in dem sich ein enormer Erkenntniswille mit einem kritischen Geist verbindet. Eine Zeit, die zugleich durch neue mediale „Apparaturen der Sinne“ (Kittler) und veränderte Seh-Techniken geprägt ist. So stellt sich die Frage, ob neue Perspektiven, die sich durch mediale Umbrüche eröffnen, die Blütezeiten des Essayistischen ebenso begleiten wie eine kritische Reflexion der Wissensproduktion. Da essayistisches Denken zumeist nicht nur kritische Mitteilungen anstrebt, sondern darüber hinaus die Mitteilung selbst reflektiert, ist ihm immer schon eine medienreflexive Ebene immanent, auf der ein vorrangiger Fokus dieses Symposions liegt.
Ein weiterer Fokus liegt auf der Nähe zwischen künstlerischem Denken und essayistischem Denken, so dass medienspezifische Formen der Imagination zu bedenken sind.
Diesbezüglich interessant ist sicherlich der Umstand, dass der Essay zur zentralen Form der „Modernität“ avancierte und im 20. Jahrhundert nicht nur Theodor W. Adorno seinen wegweisenden Aufsatz „Der Essay als Form“ publizierte, sondern auch in Frankreich essayistisches Denken einen besonderen Aufschwung verzeichnen konnte. Daher erscheint die Formulierung „Siegeszug des Essays“ (Regnaut) für die Zeit zwischen 1945 und 1980 durchaus treffend. Im philosophischen Kontext ermöglicht die Bearbeitung der Thematik aus verschiedenen Strömungen auch, eine vermeintliche Gegnerschaft zwischen „Kritischer Theorie“ und „Poststrukturalismus“ zu hinterfragen.
Kunst- und medientheoretisch kann auf Forschungen zur „essayistischen Medienreflexion“ (Ernst) ebenso zurückgegriffen werden wie auf vorliegende Studien zum essayistischen Film (von Scherer bis Kramer/Tode). Eine politische Relevanz zeigt sich dabei medienübergreifend vielfältig, insbesondere aber im Kontext des Essayfilms: Als kritisches Gegenüber gesellschaftlicher Prozesse thematisiert dieser „[…] zwischen Anschauung und Begriff, zwischen Bild und Sprache […]“ (Blümlinger) beispielsweise kapitalistische Verwertungslogiken, die wiederum Parallelen zu seiner eigenen diskontinuierlichen Form aufweisen (Steyerl). Zweifel und Skepsis ermöglichen jedoch nicht nur die Aufdeckung von Widersprüchlichkeiten, sondern haben auch das Potenzial zur Befreiung von etablierten Logiken (Marker, Steyerl).
Die erkenntnisstiftende Dimension des Essays als Form und Methode ist besonders hervorzuheben. Schon das anfänglich angeführte Nietzsche-Zitat soll zugleich jedoch verdeutlichen, dass die gewünscht offene Form des Essayistischen nicht mit Beliebigkeit zu verwechseln ist. Vielmehr wird mit ihr ein historisch und situativ unterschiedlich schwieriger Denkraum markiert, in dem kritische, denkende Subjekte und tradiertes Wissen aufeinanderstoßen. Insofern ist essayistisches Denken in variierenden Konstellationen immer wieder neu zu reflektieren.
Aktuell ist die Zwischenstellung des Essayistischen zwischen Kunst und Wissenschaft an einer Kunsthochschule besonders instruktiv. Sowohl die Erfahrungsorientiertheit eines essayistischen Denkens als auch sein energetisches Potential, künstlerische und mediale Gattungsgrenzen zu überschreiten, sind dabei bedeutsam. Eine Ausweitung der bisherigen Thematik besteht insofern auch in der Frage, ob im essayistischen Denken die Voraussetzung für eine künstlerische Forschung liegen könnte. Dadurch wäre nicht nur der „Essay als Utopie“ (Zima) produktiv zu machen, sondern essayistisches Denken ganz konkret auch wissenschaftstheoretisch zu imaginieren und zu diskutieren. Wegen einer deutlichen Diskrepanz zwischen einer Hochkonjunktur von sogenannten Essays ohne Trennschärfe zu einem aktuell wiedererwachten universitären Interesse (Rentsch/Rohbeck) gilt es allerdings, einer Tendenz entgegenzuwirken, jede größere Abhandlung oder jeden Dokumentarfilm als Essay zu bezeichnen. Vielmehr zielt die Zusammenkunft darauf, essayistisches Denken im Hinblick auf ein künstlerisches Forschen zu befragen, das sowohl künstlerische als auch wissenschaftliche Qualitätskriterien beachtet und fordert. Dazu gehört auch die Zwischenstellung des Essays zwischen Kunst und Wissenschaft als eine besondere Beziehung zwischen Erfahrungswissen und medienspezifischer ästhetischer Form, d. h. zwischen Form und Inhalt im aktuellen Möglichkeits- und Bedingungsfeld zu befragen.
In Anknüpfung an Studien, die den „Essay als Form“ (Adorno) und „Essay als kritische Theorie“ (Zima) reflektieren, aber auch im Rekurs auf poststrukturalistische Studien und medientheoretische Entwürfe, die Intertextualität zur Intermedialität erweitern (Meyer), wird ein künste- und medienübergreifender Fokus auf essayistisches Denken in den Künsten, in der Literatur, der Photographie und im Film gerichtet. Zu diesem Zweck laden das Forum/IKDM der Muthesius Kunsthochschule VertreterInnnen aus verschiedenen künstlerischen und wissenschaftlichen Bereichen dazu ein, das „Für und Wider“ essayistischen Denkens im Perspektivenwechsel zwischen Philosophie und Künsten verschiedener Medien zu diskutieren und mit konkreten Beispielen zu versinnlichen.
Ort: Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule; Legienstraße 35, 24103 Kiel
Datum: Donnerstag, 11.06.2026 – Sonntag, 14.06.2026
Zeit: Ganztägig